Gutes Miteinander aller Kulturen, Traditionen, Weltanschauungen und Religionen
Das neue Jahr hat gut angefangen. Zum Neujahrsempfang des Vereins für Dialog, Integration und Freundschaft in Waghäusel am 15. Januar 2012 wurde ich für ein Grußwort eingeladen. Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Ich bin gerne gekommen und habe viele interessante Menschen getroffen, die abseits der ”Großen Politik” schon viel in Sachen Integration bewirkt haben. Ehrlich gesagt, habe ich erst mal schauen müssen, wo Waghäusel überhaupt liegt. Umso mehr war ich überrascht, als ich gelesen habe, was Sie in Ihrer Gemeinde mit Ihrem Verein schon alles bewegt haben.
Ihr Verein für Dialog, Integration und Freundschaft, kurz Integrationsverein, ist ein junger Verein, aber gehört zu den aktivsten Gruppen und Vereinen in der Stadt. Viele Aktivitäten und immer mehr Mitglieder und Freunde bestätigen die wertvolle Arbeit unter der Leitung von Ihnen, liebe Frau Ebru Baz. Sie engagieren sich bei Integrationsprojekten in Schulen, organisieren Benefizveranstaltungen und sind überall da, wo es um ehrenamtliche und erfolgreiche Integrationsarbeit geht. Der von Ihnen verliehene Integrationspreis an Schulen, Vereine oder einzelne Personen, die sich auf vorbildliche Weise um die Förderung der Integration verdient gemacht haben, ist sicher einer der Höhepunkte Ihrer Arbeit. Ihr Ziel ist ein gutes Miteinander aller Menschen mit ihren Kulturen, Traditionen, Weltanschauungen und Religionen. Mit diesem Satz lässt sich Integration gut beschreiben.
Der Schlüssel zur Integration ist und bleibt die Bildung! Wenn es uns gelingt, dass alle Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, die gleichen Bildungschancen haben, wird uns dauerhaft eine gute Integration aller Ethnien, aber auch von allen sozial benachteiligten Gruppen gelingen. Die Entkoppelung der sozialen Herkunft und der Bildungskarriere beginnt nicht erst in der Schule oder im Kindergarten, sondern schon bei der frühkindlichen Bildung und Betreuung, die wir qualitativ und quantitativ weiter ausbauen werden. Die grün-rote Landesregierung hat deshalb als eines der ersten Dinge eine höhere finanzielle Beteiligung der frühkindlichen Bildung und Betreuung auf den Weg gebracht. Das zusätzliche Aufkommen aus der Erhöhung der Grunderwerbssteuer fließt deshalb in diesen Bereich: allein 11 Mio. Euro für die Sprachförderung und 315 Mio. Euro für den Ausbau der frühkindlichen Betreuung, d.h. für die Betreuung der unter 3jährigen.
Für Waghäusel bedeutet dies, dass die Kommune in diesem Jahr 562000 € mehr für die Betriebskosten der frühkindlichen Betreuung bekommen wird als bei der alten Landesregierung, insgesamt bekommt sie 907 000 € (bei der alten LR waren es lediglich 345 000 €).Das wird hier in Waghäusel eine spürbare Finanzspritze für die frühkindliche Betreuung sein. Dazu können noch Mittel für Investitionen für weitere Betreuungsplätze beantragt werden. Ich hoffe, dass die Kommune hier in Waghäusel dies nicht versäumt.
Die Verbesserung der frühkindlichen Bildung und Betreuung ist zunächst ein wichtiger Schritt für die Eltern. Sie gibt ihnen die Chance, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Es ist eine größere Chance zu einem selbstbestimmten Leben und es immens wichtig für unsere Volkswirtschaft, die dringend das Problem des Fachkräftemangels und der schlecht ausgebildeten Menschen lösen muss, die aus eigner Kraft ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Diese Entwicklung wollen wir in der Schule weiterführen. Wir hatten die Gemeinschaftsschule im Wahlprogramm und sind auf einem guten Weg, sie zu realisieren. Gemeinsamens Lernen bis zur 10. Klasse, individuelle Förderung und der Ausbau der Ganztagsschulen schaffen bessere Chancen für eine bessere Bildungskarriere. Ein wichtiger Schritt war die Abschaffung der verpflichtenden Grundschulempfehlung.
Wir wollen kein Kind auf seinem Bildungsweg verlieren, denn wir wollen und können uns keine schlechte Bildung leisten. Nur so werden wir unseren Wohlstand halten können und die Probleme rund um das Thema Integration in den Griff bekommen. Wir brauchen keine Sonderprogramme, sondern der Schlüssel zur Integration ist die Bildung. Das ist nachhaltige Politik, die die Nachfolgegenerationen entlasten wird.
Das gleiche gilt aber auch in allen anderen Bereichen: Nachhaltigkeit in Ökologie und Ökonomie sind eng miteinander verknüpft. Wir sind auf dem besten Weg, mit neuen Technologien in den erneuerbaren Energien endlich den Ausstieg aus der Atomkraft zu schaffen. Die Energiewende geht so rasant, dass bis 2020 fast 40 Prozent Strom aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden können. Dies gab Umweltminister Untersteller vor ein paar Tagen bekannt. Atomkraftwerke würden 2020 nur noch rund 17 Prozent des Strombedarfs decken. «Das alles ist kein Selbstläufer, sondern nur mit politischem Handeln zu erreichen», sagte Untersteller. Er will die Mittel von gut 9,5 Millionen Euro im Haushaltsjahr 2011 auf gut 20 Millionen Euro im Jahr 2012 mehr als verdoppeln. Zudem richte das Land vier «Kompetenzzentren Energie» und ein «Kompetenzzentrum Windenergie» ein. Sie sollen Kommunen, Planer und Investoren beraten. Es ist dann Aufgabe der Gemeinden und Kreise sowie der Wirtschaft, den Wandel voranzubringen. Alle Beteiligten sind sich mittlerweile einig darüber, dass der Wandel notwendig ist. Die langfristigen Klimaziele können nur mit der Energiewende erreicht werden.
Nicht nur in Stuttgart ging in den letzten Monaten, ja fast schon Jahren, ein Ruck durch die Bevölkerung. Die Bürgerinnen und Bürger haben erkannt, dass sie sich auch in einer repräsentativen Demokratie nicht nur alle vier Jahre zu Wort melden können. Der Ministerpräsident hat eine Politik des Gehörtwerdens versprochen. Das heißt allerdings nicht, dass es ein unbegrenztes Wunschkonzert geben kann. Es soll heißen, dass die Politik und ihre Repräsentanten lernen müssen, frühzeitig mit den Bürgern zu reden und auf sie zu hören. Politiker müssen offen sein für Alternativen und lernen, die Kompetenz der Zivilgesellschaft zu nutzen. Die alte Landesregierung suggerierte dagegen, dass es nur einen, nämlich ihren Weg gebe. Das ist gefährlich, weil es dem Wesen der Demokratie widerspricht.
Zur Demokratie gehört die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihrem sozialen Status und von ihrer ethnischen Herkunft. Das ist, wie ich es verstanden habe, das Ziel Ihres Vereins.
Integration – wie geht das? Der türkische Staatspräsident Gül sagte kürzlich bei einem Empfang im Stuttgarter Rathaus, dass er stolz auf mich, auf Cem Özdemir und Bilkay Öney sei. Stolz auf unsere gelungene Integration. Sind wir das wirklich? Sind wir wirklich Beispiele für gelungene Integration? Was macht eine gelungene Integration aus? Ist es nur die Sprache, die Kleidung, das angepasste Leben an die Sitten und Gebräuche des neuen Landes, der neuen Stadt? Wie weit kann, darf, soll man sich anpassen ohne sich zu verbiegen? Wie geht man mit seiner Religion um, die im neuen Land nur eine Minderheit ist? Wie unterscheidet sich das Leben eines integrierten Migranten von dem Leben eines Ausländers, der nur befristet in der Fremde lebt?
Heimat – was ist das? In Stuttgart leben heute Menschen aus mehr als 170 Nationen und mit über 120 verschiedenen Sprachen. In der Beschreibung zu einer Ausstellung zum Jubiläum des Anwerbeabkommens steht: „Stuttgarts Stadtbild, Kultur und jüngste Geschichte wird zunehmend mehr und zukünftig in noch höherem Maße von ihren EinwohnerInnen mit Migrationshintergrund geprägt.“ So wird es in vielen Kommunen nicht nur in Baden-Württemberg sein. Hier in Waghäusel hatten 2010 von 20620 Einwohnern insgesamt 1514 Mitbürgerinnen und Mitbürger keinen deutschen Pass. Leider gibt es keine Zahlen über den Anteil der MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund.
In Stuttgart hat mittlerweile 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bei den Kindern und Jugendlichen sind es schon über 50 Prozent. Viele davon haben türkische Wurzeln und es ist für sie schwierig zu sagen, wo ihre Heimat ist. Aus Gästen wurden Bürger, aus geplanten kurzen Arbeitsaufenthalten wurde ein langjähriges Leben in der Fremde, aus der Fremde wurde Heimat.
Integration ist keine Einbahnstraße. Heimat ist für mich da, wo mein Lebensmittelpunkt ist und wo die Menschen leben, die ich liebe – meine Familie. Heimat ist kein geographischer Ort. Das Heimatgefühl muss sich entwickeln, es ist ein Entwicklungsprozess, der von vielen Faktoren abhängig ist. Es kommt darauf an, wie man in einer neuen Umgebung aufgenommen wird, wie man seine Heimat findet, wie offen die neue Umgebung ist und wie offen man der neuen Umgebung begegnet. Die Wurzeln müssen von beiden Seiten gefestigt werden. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen. Dazu gehört auch die Politik. Wie offen sind die Parteien für neue Bürgerinnen und Bürger? Wie groß ist die Bereitschaft, diese Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen? Wie groß ist aber auch die Bereitschaft, sich aktiv in die neue Umgebung einzubringen?
Auch ich habe eine Weile gebraucht, um in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Bis zum Abitur war ich fest entschlossen, in die Türkei zurückzukehren. Ich entschied mich, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, weil ich der Meinung war, dass ich damit überall arbeiten könnte. Erst im Laufe der Jahre hat sich bei mir allmählich dieses Heimatgefühl entwickelt. Als ich mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, hatte ich keine Wahl.
Die Geschichte meiner Familie ist eng mit dem Anwerbeabkommen verbunden. Ich kam nach Deutschland, weil mein Vater hier bereits einige Zeit gearbeitet hatte und die Familie bei sich haben wollte. Alles war für mich und meine Geschwister neu: das Land, die Sprache, die Umgebung, die Sitten und Gebräuche – und auch das Wetter.
Unsere Eltern sahen hier für uns eine große Chance. Eine Chance, die sie in ihrer Heimat nie gehabt hatten. Wir sollten es besser haben. Bessere Bildung und später einen besseren Beruf.
Unsere Eltern haben alles getan, damit wir die Chance nutzen konnten. Dazu gab es Freunde, Nachbarn, Lehrer und liebe Menschen, die uns geholfen und uns unterstützt haben. Dazu hatte ich auch noch das berühmte Quäntchen Glück.
Nach dem Abitur habe ich in Hohenheim Wirtschaftswissenschaften studiert, habe heute meine eigene Steuerberaterkanzlei und wurde am 27. März 2011mit 42,5 % in meinem Wahlkreis Stuttgart I für die Grünen in den Landtag gewählt. Ich bin begeisterte Stuttgarterin, lebe mit meinem Mann und unseren zwei Kindern im Stuttgarter Westen und habe mein Büro in der Stadtmitte.
Viele sagen, ich sei ein gelungenes Beispiel für Integration. Ich bin zwar nicht in Deutschland geboren, aber ich bin Deutsche mit türkischen Wurzeln, geboren in der Türkei, dort habe ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht, dort lebt heute noch ein großer Teil unserer Verwandten.
Wenn ich mit diesem Beispiel etwas bewirken kann, wenn es jungen Menschen hilft, sich besser zurechtzufinden, ein deutlicheres Bild von Integration zu entwickeln, freue ich mich, unsere Geschichte zu erzählen.
Ich wünsche Ihnen ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2012 und dem Integrationsverein weiterhin viel Erfolg bei der Verwirklichung seiner Ziele: einem guten Miteinander aller Menschen mit ihren Kulturen, Traditionen, Weltanschauungen und Religionen auf dem Weg zu Integration und Freundschaft. Vielen Dank.


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