Merhaba Stuttgart – Gekommen, um zu bleiben
Ich habe mich sehr gefreut, dass ich eingeladen wurde, ein Grußwort zur Präsentation der digitalen Geschichten „Gekommen, um zu bleiben“ zu sprechen.
Gekommen, um zu bleiben. Das hatten 1961 die Arbeiterinnen und Arbeiter, die – alleine, ohne Familie – aus der Türkei kamen, nicht vor. Das Abkommen sah vor, dass sie nur eine bestimmte Zeit in Deutschland bleiben sollten. Doch es kam alles anders. Bald wurde die Zeitbeschränkung aufgehoben, die ersten türkischen „Gastarbeiter“ blieben und die Familien zogen nach. Viele hatten immer noch den Traum, nach einigen Jahren zurückzugehen. Einige haben es dann auch geschafft, aber viele sind geblieben.
So war es auch in meiner Familie. Mein Vater ging zunächst alleine nach Deutschland. Als ich 1978 mit zwölf Jahren mit meiner Mutter und zwei Geschwistern zu ihm nach Baden-Württemberg kam, glaubte auch ich, dass es nur für eine gewisse Zeit wäre. Heute bin ich Deutsche mit türkischen Wurzeln, geboren in der Türkei, dort habe ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht, dort lebt heute noch ein großer Teil unserer Verwandten. Jetzt bin ich begeisterte Stuttgarterin.
Ich lebe mit meinem Mann und unseren zwei Kindern im Stuttgarter Westen und habe mein Büro in der Stadtmitte.
Wir feiern in diesem Jahr „50 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland – Türkei“. Als im Oktober 1961 das Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossen wurde, war es nicht vorgesehen, dass die ArbeiterInnen bis in die zweite und dritte Generation in Deutschland Wurzeln schlagen sollten, es war nicht vorgesehen, dass sie und ihre Nachkommen jemals die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten könnten, es war nicht vorgesehen, dass sie in Deutschland eine neue Heimat finden würden.
Nach langen internen Diskussionen schloss das deutsche Außenministerium, nicht das Arbeitsministerium, im Oktober 1961 den Vertrag mit der Türkei. Das Arbeitsministerium war nicht so glücklich mit diesem Vertrag, weil es zunächst die immer noch vorhandenen deutschen, nicht qualifizierten Arbeitslosen beschäftigen wollte. Die USA machten jedoch Druck und wollten die Türkei als wichtigen NATO-Außenposten wirtschaftlich unterstützen. Man erhoffte sich größeren wirtschaftlichen Wohlstand für die türkische Bevölkerung und auch einen Know How-Transfer, der in der Türkei für einen Aufschwung sorgen sollte. Die Türkei ihrerseits sah hier einen Ausweg aus dem starken Bevölkerungswachstum, für das es nicht genug Arbeitsplätze gab.
Die Bedingungen für die ArbeiterInnen waren in dem Abkommen klar geregelt: Die Aufenthaltsdauer war auf zwei Jahre befristet und die unverheirateten BewerberInnen mussten sich einem strengen Auswahlverfahren in Istanbul stellen. Lediglich ein Viertel der Leute erhielt dann einen Vertrag, mit dem sie zwei Jahre in Deutschland arbeiten durften. Zwei Jahre und keinen Tag länger, denn die politische Führung Deutschlands war nicht interessiert an ausländischen Arbeitskräften, die sich hier dauerhaft niederlassen wollten. Der „Gastarbeiter“ war geboren.
Die Wirtschaft der noch immer jungen Bundesrepublik war jedoch schon einen Schritt weiter: nach kurzer Zeit war klar, dass das Rotationsprinzip für die Unternehmen unwirtschaftlich war. Kaum waren die ArbeiterInnen eingelernt und brachten für die Firmen Gewinn, mussten sie schon wieder nach Hause zurückkehren. Die politische Führung der Bundesrepublik, die damals fest in der Hand der CDU war, hatte schnell die Vorteile der ArbeiterInnen aus der Türkei und aus den anderen Ländern, mit denen es auch Anwerbeabkommen gab, erkannt. Sie waren billig und sie hatten zunächst keine Lobby. Dem Lohndumping und der Steigerung des eigenen Profits war somit Tür und Tor geöffnet.
Zwischen 1961 und 1973 – solange war das Anwerbeabkommen gültig – kamen ungefähr 800000 (acht Hunderttausend) Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Kaum jemand überlegte sich damals, was dieser Schritt für diese Menschen bedeutete. Sie verließen ihre Heimat, kamen in ein unbekanntes Land mit einer unbekannten Sprache, mit unbekannten Sitten und Gebräuchen, mit einer anderen Religion. Kaum jemand überlegte sich, welchen Mut es erforderte, diesen Schritt zu gehen! 20 Prozent dieser Menschen waren Frauen. Frauen, die sich eine bessere Zukunft erhofften und die nach zwei Jahren wieder mit ein bisschen Geld zurück in ihre Heimat gehen wollten, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Die Leistung dieser Frauen ist noch viel höher zu bewerten als die der Männer, wenn man sich überlegt, aus welcher patriarchalischen Gesellschaft sie kamen, um alleine in Deutschland zu arbeiten.
Theodor Marquard, der Direktor der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul, war offenbar ein kluger und vorausschauender Mann. 1966, schon fünf Jahre nach dem Inkrafttreten des Abkommens, sagte er: „Viele von ihnen werden in Deutschland ein neues Leben aufbauen, sie werden dort Wurzeln schlagen und ihr Heimatland nur noch als Gäste besuchen.“
Nach der Abschaffung des Rotationsprinzips konnten die ArbeiterInnen länger bleiben, viele von ihnen fanden eine neue Heimat in Deutschland. Während der Rezession 1966/67 wurden weniger türkische Arbeitskräfte angeworben. Ölkrise und weitere wirtschaftliche Probleme führten 1973 zum totalen Anwerbestopp.
In Stuttgart leben heute Menschen aus mehr als 170 Nationen und mit über 120 verschiedenen Sprachen. In der Projektbeschreibung dieser Ausstellung, „Merhaba Stuttgart“, steht: „Stuttgarts Stadtbild, Kultur und jüngste Geschichte wird zunehmend mehr und zukünftig in noch höherem Maße von ihren
EinwohnerInnen mit Migrationshintergrund geprägt.“ Daran wird kein Weg vorbeiführen: Mittlerweile haben 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bei den Kindern und Jugendlichen sind es schon über 50 Prozent. Viele davon haben türkische Wurzeln und es ist auch für sie schwierig zu sagen, wo ihre Heimat ist. Aus Gästen wurden Bürger, aus geplanten kurzen Arbeitsaufenthalten wurde ein langjähriges Leben in der Fremde, aus der Fremde wurde Heimat.
Heimat – was ist das? Heimat ist für mich da, wo mein Lebensmittelpunkt ist und wo die Menschen leben, die ich liebe – meine Familie. Heimat ist kein geographischer Ort. Das Heimatgefühl muss sich entwickeln, es ist ein Entwicklungsprozess, der von vielen Faktoren abhängig ist. Es kommt darauf an, wie man in einer neuen Umgebung aufgenommen wird, wie man seine Heimat findet, wie offen die neue Umgebung ist und wie offen man der neuen Umgebung begegnet. Die Wurzeln müssen von beiden Seiten gefestigt werden. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen. Dazu gehört auch die Politik. Wie offen sind die Parteien für neue Bürgerinnen und Bürger? Wie groß ist die Bereitschaft, diese Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen?
Auch ich habe eine Weile gebraucht, um in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Bis zum Abitur war ich fest entschlossen, in die Türkei zurückzukehren. Ich entschied mich, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, weil ich der Meinung war, dass ich damit überall arbeiten könnte. Erst im Laufe der Jahre hat sich bei mir allmählich dieses Heimatgefühl entwickelt. Als ich mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, hatte ich keine Wahl.
Die Geschichte meiner Familie ist eng mit diesem Vertrag verbunden. Ich kam nach Deutschland, weil mein Vater hier bereits einige Zeit gearbeitet hatte und die Familie bei sich haben wollte. Alles war für mich und meine Geschwister neu: das Land, die Sprache, die Umgebung, die Sitten und Gebräuche – und auch das Wetter. Unsere Eltern sahen hier für uns eine große Chance. Eine Chance, die sie in ihrer Heimat nie gehabt hatten. Wir sollten es besser haben. Bessere Bildung und später einen besseren Beruf. Unsere Eltern haben alles getan, damit wir die Chance nutzen konnten. Dazu gab es Freunde, Nachbarn, Lehrer und liebe Menschen, die uns geholfen und uns unterstützt haben. Dazu hatte ich auch noch das berühmte Quäntchen Glück.
Nach dem Abitur habe ich in Hohenheim Wirtschaftswissenschaften studiert, habe heute meine eigene Steuerberaterkanzlei und wurde am 27. März mit 42,5 % in meinem Wahlkreis Stuttgart I für die Grünen in den Landtag gewählt. Der türkische Ministerpräsident Gül sagte kürzlich bei einem Empfang im Stuttgarter Rathaus, dass er stolz auf mich, auf Cem Özdemir und Bilkay Öney sei. Stolz auf unsere gelungene Integration.
Sind wir das wirklich? Sind wir wirklich Beispiele für gelungene Integration? Was macht eine gelungene Integration aus? Ist es nur die Sprache, die Kleidung, das angepasste Leben an die Sitten und Gebräuche des neuen Landes, der neuen Stadt? Wie weit kann, darf, soll man sich anpassen, ohne sich zu verbiegen? Wie geht man mit seiner Religion um, die im neuen Land nur eine Minderheit ist? Wie unterscheidet sich das Leben eines integrierten Migranten von dem Leben eines Ausländers, der nur befristet in der Fremde lebt?
Ich bin gespannt auf die Lebensgeschichten der sechs Frauen und Männer, über ihr Kommen und Ankommen in Stuttgart. Ich bin gespannt auf mögliche Gemeinsamkeiten oder auch auf Unterschiede. Den Veranstaltern gratuliere ich zu diesem erfolgreichen Projekt und bin sicher, dass nicht nur ich viele spannende und bewegende Geschichten hören werde.


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